Jungpferdeausbildung nach Tellington

Vom aufmüpfigen Wildfang zum Reitpferd: Fallgeschichte Bailey

Das Ausbilden von jungen Pferden ist immer eine riesige Herausforderung und auch eine große Verantwortung, die Trainer und Besitzer da auf sich nehmen. Deshalb antwortete ich bei der Anfrage von Hanna, der Besitzerin von Bailey, einem damals 4-jährigen Warmblut, zurückhaltend, als sie mich fragte, ob ich ihr Pferd anreiten würde.

Nach längerem Überlegen vereinbarten wir, dass ich ihr Pferd vom Boden aus soweit vorbereiten würde, dass es bereit für den Reiter ist und dann entweder in Profiberitt gehen oder Hanna selbst sich draufsetzen würde. 

Die Arbeit mit Bailey machte mir unglaublich Spaß. Mithilfe der Tellington-Methode hatte ich viele Möglichkeiten an der Hand, mit denen ich den wilden Jungspunt Bailey an den Ernst - bzw. den Spaß - des Reitpferdelebens gewöhnen konnte.

Vorbereitung des jungen Pferdes durch Einflüsse oberhalb seines Rückens
Spielerisch und vorsichtig wird das junge Pferd an Einflüsse oberhalb seines Rückens gewöhnt - als Vorbereitung für den Reiter im Sattel.

Die Jungpferde profitieren durch die Tellington-TTouch-Methode von folgenden Vorteilen:

 

  • Die Beziehung und das Vertrauen zwischen Mensch und Pferd werden spielerisch verbessert
  • Mögliche Verhaltensauffälligkeiten im täglichen Umgang lösen sich auf
  • Gesundheit und Wohlbefinden werden nachhaltig gestärkt
  • Langanhaltende Trainingserfolge und konstante Weiterentwicklung des Pferdes setzen sein
  • Durch die Körperarbeit mit TTouches und Körperbandagen entspannt sich das Pferd mental und körperlich und ist so perfekt für erste Schritte unter dem Reiter vorbereitet
  • Das Pferd entwickelt ein besseres Gefühl für seinen Körper und wird sich seiner Größe, Länge und seiner Beine besser bewusst
  • Mögliche Ängste und Unsicherheiten lösen sich auf

 

Vorbereitende Führ- und Bodenarbeit

Erstes Gewichtsverlagern auf den Rücken des Pferdes
Durch erstes vorsichtiges Hochhüpfen und Gewichtverlagern auf den Rücken kann sich das Pferd in Ruhe an das Reitergewicht gewöhnen.

Für Bailey stand zu Beginn seiner Ausbildung Führarbeit ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Bailey konnte das Fohlen-ABC, mehr aber nicht. Durch die Arbeit mit Stangen, dem Lernparcours und den genialen Führübungen von Linda lernte Bailey schnell, sich auf den Menschen zu konzentrieren. Er verstand rasch, worum es ging, und wurde von Stunde zu Stunde kooperativer und lernwilliger.

Durch die Arbeit mit Körperbandagen und Körperseilen konnte ich Bailey gerade in seinen Wachstumsphasen ein neues Körpergefühl vermitteln. So lernte er beiläufig auch, dass sich Seile um seine Hinterhand schwingen können, wo sich seine Beine in Bewegung befinden und lernte so spielerisch, dass im täglichen Umgang mit dem Mensch auch allerhand interessante Gegenstände zum Einsatz kommen.

Anfangs war Bailey auf seiner rechten Seite derart steif und verspannt, dass er mich nicht mal auf dieser Seite stehen ließ, um ihn zu ttouchen. Mit viel Geduld und Umsicht ließ er langsam auch TTouches auf seiner rechten Seite zu und so konnte ich seine Verspannungen lösen. Durch vorsichtige Handarbeit am Zaumzeug mit Übertretenlassen an der Hand konnte ich seine rechte Seite gymnastizieren und lockern.

Fahren vom Boden aus: Vorbereiten auf die Reiterhilfen

Das Fahren vom Boden wird in der Tellington-Methode hauptsächlich für das Arbeiten mit Jungpferden eingesetzt. Durch langsames Gewöhnen an die Seile seitlich am Körper und an das Geführtwerden von hinten erlernt das Pferd ohne das zum Beginn störende Gewicht des Reiters erste Kommandos - und die vor allem von hinten. Die perfekte Simulation der Reiterhilfen vom Boden aus. Ich war erstaunt, wie schnell Bailey all diese Hilfsmittel verstand und völlig selbstverständlich mitarbeitete. Er wurde in all der Arbeit nie hektisch oder sogar panisch. Er blieb immer cool und vertrauensvoll - die perfekten Voraussetzungen, um Schritt für Schritt weiter in seiner Ausbildung voranzugehen.

Erstes vorsichtiges Gymnastizieren an der Hand

Erstes vorsichtiges Übertretenlassen an der Hand zur Gymnastizierung
Erstes vorsichtiges Übertretenlassen an der Hand zur Gymnastizierung

Beim ersten seitlichen Übertretenlassen der Hintergang ging es mir bei Bailey hauptsächlich darum, dass er lernt, meine Körpersprache richtig einzuschätzen und durch leichten Druck in der Schenkellage seitlich zu weichen. An korrekte Biegung (z.B. im Konterschulterherein) oder Stellung und Geraderichten (z.B. im Schenkelweichen) war zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht zu denken.

Gerade auf der linken Hand tat sich Bailey enorm schwer, sein Hinterbein unter seinen Schwerpunkt zu bringen und seine rechte äußere Körperseite lang zu machen und zu dehnen. Das langsame Geraderichtung, das später beim Reiten so enorm wichtig ist, kann so in Ansätzen schon vom Boden aus dem jungen Pferd vermittelt werden. 

 

Stolz: die ersten Schritte unter dem Reiter

Die ersten gelassenen Schritte unter dem Reiter
Die ersten Schritte unter dem Sattel absolvierte Bailey nach wenigen Monaten souverän und absolut gelassen.

Innerhalb weniger Monate lernte Bailey anstandslos den Reiter auf seinem Rücken zu akzeptieren. Bereits das Anlongieren und Freilaufenlassen mit dem Sattel akzeptierte er in kürzester Zeit, es schien oft so, als hätte er die ganze Zeit nur darauf gewartet, endlich mit uns Menschen arbeiten zu dürfen. Er ist immer motiviert bei der Sache und sehr konzentriert. Wir hielten die Einheiten bewusst sehr kurz, um die Konzentrationsspanne des jungen Pferdes nicht zu überstrapazieren und ihn immer mit einem positiven Lerneffekt in die Pause am nächsten Tag zu entlassen.

Die Zusammenarbeit mit seiner Besitzerin Hanna verlief spitze, und wir hatten eine Menge Spaß. Wir arbeiteten von Februar 2017 bis Juli 2017 einmal pro Woche miteinander, dazwischen übte Hanna fleißig weiter und schaffte so ein starkes Band zwischen Bailey und sich.

Das erste Aufsitzen verlief völlig entspannt, genauso wie die ersten Schritte weg von der Longe und dann später im Trab.

Mittlerweile ist Bailey ein ausgeglichenes Reitpferd, das nun die Feinabstimmung der Hilfen in allen drei Gangarten lernt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Bibi Degn (Samstag, 07 Juli 2018 18:11)

    Was für schönes Beispiel für das "Initiieren" eines Reitpferdes! Ich stelle immer mehr fest, dass das Anreitstadium das gesamte Pferdeleben so unglaublich stark beeinflusst . Ich finde es wunderbar, dass ihr das in Ruhe und im Tempo des Pferdes und seiner Halterin gemacht habt.
    Ich wünschte. alle Pferde würde das Reiten so entspannt kennen lernen und so die Zeit bekommen, und das Zutrauen des Menschen, dass sie die Aufgaben im Kopf verstehen und umsetzen können. Super!!